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Buchtip: "Schöne neue Weinwelt" PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von wurli   
Wednesday, 07 June 2006
Stuart Pigott — Experte von feinsten Gaumengnaden
StuartPigot_SchoeneNeueWeinwelt.jpg
Der bekannte Weinkenner Stuart Pigott führt in Zeiten
der Globalisierung durch die Welt der Weine: von Berlin-Mitte
über Graubünden bis ins australische Outback, von den
Supermarkt- bis zu den Weltspitzenweinen. Pointiert, kritisch
und unterhaltsam erzählt Pigott von den revolutionären
Veränderungen, die sich in den letzten Jahren in der
Weinwelt vollzogen haben.

Leseprobe:

Ich trete ins Wohnzimmer und sehe, dass er nahezu identisch gekleidet ist wie damals in Berlin. Er will ein einfaches Abendessen kochen, zu dem E. T., ein weiterer Weinhändler, Amerikaner französischer Abstammung mit dem unmöglich deutsch klingenden Namen Wasserwerk, und ein Gastronom aus New York namens Andy Pandy eingeladen sind. Wenn sie kommen, wird er uns das Anwesen zeigen, wir werden ein paar Weine aus dem Keller holen und »es uns gut gehen lassen«. Weshalb ist E. T.s große, schöne asiatische Frau nicht eingeladen, warum keine weiblichen Gäste?, frage ich mich. Doch dann werde ich vom Blick auf den hell erleuchteten Inhalt des Kühlschranks durch die halb geöffnete Tür abgelenkt. Eine ganze Batterie halb leerer Flaschen steht darin, jede mit einem orangefarbenen Gummistöpsel, doch bevor ich die Etiketten erkennen kann, schlägt Charlemagne die Tür zu. Vielleicht haben die Frauen keine Lust zu kommen, weil sie wissen, dass es eine Weinorgie werden wird. Die paar Etiketten, die ich gerade entziffern konnte, deuten darauf hin, dass eine Kokainorgie letztendlich vielleicht billiger wäre als das, was wir konsumieren werden. Aber »Orgie« scheint definitiv die richtige Bezeichnung für Charlemagnes Vorhaben zu sein.
....
geringe Produktionsmengen jedes Jahr dank treuer Stammkunden bei Preisen zwischen 75 und 250 Dollar sofort ausverkauft sind. Abhängig vom Produzenten bekommt jeder Kunde ganze drei bis zwölf Flaschen pro Jahrgang. Es kursieren Geschichten von Weinfreunden, die den Produzenten dieser Weine alle möglichen Arten von Verlockungen und Bestechungen geboten haben, um auf diese Kundenlisten zu kommen. So hat zum Beispiel ein Schönheitschirurg einer Kultcabernet-Produzentin angeblich kostenlose Behandlungen im Wert von zigtausend Dollar als Gegenleistung angeboten – welche Beleidigung! Sie sind deshalb so verzweifelt hinter dieser Mitgliedschaft her, weil sie wissen, dass, sobald diese Zuteilungen ausgeliefert sind, der Preis dieser Weine umgehend auf ein Vielfaches steigt. Bei Wohltätigkeitsversteigerungen kommen Großflaschen mit 15, 3, 6 oder 9 Litern dieser Weine, die aus den Kellern der Produzenten stammen, für vier-, fünf- und sechsstellige Zahlen unter den Hammer, weil sie nur bei diesen Anlässen erhältlich sind. Es handelt sich um ein klassisches Beispiel des California-Cult-Phänomens, mit dem mich Matt Jerusalem vor vielen Jahren vertraut gemacht hat.
Andy Pandy lässt den Wein in seinem Glas kreisen, riecht wieder und wieder daran und nimmt endlich einen Schluck. »Nein, das kann kein Cabernet Sauvignon sein, es muss einer von diesen Monster-Shiraz aus Südaustralien sein.« Das klingt für mich ziemlich überzeugend, der Wein sieht schwarz-violett aus, duftet nach Himbeermarmelade, schmeckt sehr üppig und »süß« und ist von einer Öligkeit und Schwere, die ihn schwierig zu trinken macht. Er würde einem Portwein ähneln, hat aber nicht dessen Ausgewogenheit, am ehesten gleicht er einem mittelmäßigen Likör. Dieser Weinstil aus der Rebsorte Shiraz ist in der letzten Zeit in Südaustralien ziemlich weit verbreitet. »Ich werde mit diesem Wein im Glas den großen Amerika-Roman schreiben!«, spottet Charlemagne voller Ironie. Er scheint auch anzunehmen, dass der Wein aus Kalifornien, doch ein übertriebener Versuch ist, den großen amerikanischen Rotwein zu erzeugen. Ich tippe schließlich auch auf Kalifornien. E. T. wickelt die Flasche aus dem Packpapier, er hat den Wein mitgebracht und zeigt uns das Etikett:

NOON
1998 Reserve Cabernet Sauvignon
Langhorne Creek
Product of Australia

Nur Andy Pandy hat das Herkunftsland richtig erraten, aber nicht die Rebsorte, während wir anderen bei der Rebsorte richtig lagen, aber nicht beim Land. »Er hat 15,5 Volumenprozent Alkohol und 98 Punkte von Parker«, erklärt E.T. sachlich, »ich finde den Wein fürchterlich, aber ich wollte hören, was ihr davon haltet.« Robert Parker ist seit zwanzig Jahren als einflussreichster Weinkritiker der Welt. Seine Zeitung "The Wine Advocate" beeinflusst die Kaufentscheidungen Hunderttausender Weinkonsumenten auf der ganzen Welt. Er macht kein Hehl aus seiner Vorliebe für sehr üppige, süß schmeckende Weine mit extremen Fruchtaromen – »gobs of fruit« lautet eine seiner am wenigsten ansprechenden lobenden Ausdrücke in seinem beschränkten und sich stark wiederholenden Wortschatz. Dieser Noon-Wein stellt beinahe eine Karikatur des »Parker-Stils« dar. Wahrscheinlich hat der Produzent den Wein ganz bewusst in diesem »Stil« gemacht, um so viele Punkte als möglich von Parker zu bekommen. Tausende von Winzern auf der ganzen Welt verfolgen diese Strategie in dem verzweifelten Streben nach Reichtum und Ruhm, in diesem Fall allerdings mit Erfolg. Die Vehemenz unseres Urteils wurde zweifellos durch das Bestreben gesteigert, uns gegenseitig zu übertrumpfen, aber wir sind uns in unserer Ablehnung dieses Weines voll und ganz einig. »O.k.«, sagt Charlemagne bedeutungsvoll, »jetzt bekommt ihr etwas richtig Gutes.« Er geht hinüber in die Küche und kommt mit einer Flasche zurück, deren Etikett er uns ganz offen sehen lässt, während er in frische Gläser einschenkt. Das Etikett erklärt Folgendes:

1990 Barolo Monprivato
Giuseppe Mascarello

Dieser Rotwein aus dem Piemont in Italien funkelt in durchscheinendem Granatrot, und sein Duft könnte sich kaum stärker von seinem Vorgänger unterscheiden. Aus dem Glas steigt eine Wolke zarter Aromen empor, die die Nase vor Aufregung und Verwirrung beben lässt, mit jedem Atemholen kommt eine neue Duftnote zum Vorschein, wie ein geschliffener Diamant, dessen Facetten bei der leisesten Bewegung in immer wieder unterschiedlichen Farben aufblitzen. Es ist jetzt ganz still, nur gelegentlich ertönt ein genüssliches »Mmmh«, während wir uns durch dieses dunkle Labyrinth von Aromen tasten und schließlich einen ersten Schluck des trockenen, kräftigen, aber doch filigranen Weines nehmen. Unterdessen holt Charlemagne den Braten aus dem Ofen, richtet die Gemüse an und serviert zügig das Abendessen.

Letztes Update ( Wednesday, 07 June 2006 )
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