Nochmal Olivenöl - diesmal ein Artikel aus der "Süddeutschen Zeitung"
Geschrieben von wurli
Friday, 30 November 2007
Da
ist alles drin
Der
Handel mit original Olivenöl aus Italien läuft bestens. Aber die Worte
»original«, »Oliven« und »Italien« haben dabei nur selten etwas verloren. Ein
Report über die größte Panscherei Europas. (Original-Artikel von Tom Mueller)
»Die
Erträge bei gepanschtem Olivenöl sind ähnlich hoch wie beim Kokainhandel, nur
die Risiken sind viel geringer«, sagt ein Ermittler vom Europäischen Amt für
Betrugsbekämpfung, der zwei Jahre lang bei der »Arbeitsgruppe Olivenöl« tätig
war. Die Arbeitsgruppe ist aufgelöst, das Problem aber bleibt: Immer noch gilt
Olivenöl als das am häufigsten manipulierte landwirtschaftliche Produkt in
Europa. Es ist deutlich wertvoller als die meisten anderen Pflanzenöle, seine
Herstellung kosten- und zeitintensiv – und es lässt sich überraschend einfach
strecken. Besonders häufig kommt es in Italien zu Panschereien, dem weltweit
führenden Importeur, Verbraucher und Exporteur von Olivenöl. In den letzten
zehn Jahren hat Spanien zwar mehr Öl produziert, doch ein Großteil davon wird
nach Italien verschifft und dann legal als italienisches Öl vertrieben.
Fast alle Pflanzenöle werden in einer Raffinerie unter Einsatz von
Lösungsmitteln, Hitze und immensem Druck aus Keimen und Nüssen gewonnen; die
besten Olivenöle dagegen entstehen mithilfe einer einfachen hydraulischen
Presse oder Zentrifuge – sie ähneln eher frisch gepressten Fruchtsäften als
industriellen Fetten. Die Oliven werden geerntet, wenn sie ihre Farbe von Grün
auf Schwarz wechseln; idealerweise werden sie von Hand gepflückt und innerhalb
von Stunden gemahlen, um Oxidation und enzymatische Reaktionen zu minimieren,
die dem Öl einen unangenehmen Geschmack und Geruch verleihen. Es gibt etwa 700
Olivensorten oder -kulturpflanzen, die geschmacklich in vorschriftsmäßig
hergestellten Ölen so deutlich wahrnehmbar sind wie die jeweilige Traubensorte
in einem guten Wein.
EU-Recht zufolge darf extranatives Öl ausschließlich auf mechanischem Wege
(mittels einer Presse oder Zentrifuge) hergestellt werden und muss dabei 32
chemischen Kriterien entsprechen. So muss es einen »freien Säuregehalt«
aufweisen, der 0,8 Prozent nicht übersteigt. (Bei Olivenöl ist der freie
Säuregehalt ein Anzeichen für Zersetzung.) Bei nativem Öl, der nächstniedrigen
Qualitätsstufe, darf der freie Säuregehalt nicht mehr als zwei Prozent
betragen. Öl mit einem höheren Prozentsatz an freier Säure wird als »Lampante«,
Lampenöl, eingestuft; dieses Öl darf legal nicht als Lebensmittel verkauft
werden, es stammt meist von Oliven, die verdorben vom Baum gefallen sind.
(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie bereits in der Antike mit Olivenöl
betrogen wurde)
Die meisten Betrügereien mit Olivenöl sind durch chemische Tests leicht zu
entdecken. Im Februar 2005 zerschlugen die Carabinieri der italienischen
Gesundheitspolizei NAS einen Verbrecherring, der in mehreren Regionen Italiens
operierte, und beschlagnahmten dabei 100 000 Liter gefälschtes Olivenöl mit
einem Marktwert von sechs Millionen Euro. Den Panschern, die ihre Produkte in
Norditalien und Deutschland vertrieben haben sollen, wird zur Last gelegt,
minderwertiges Soja- und Rapsöl mit industriellem Chlorophyll eingefärbt und
mit Betakarotin aromatisiert zu haben. Dann wurde es als extranatives Olivenöl
in Kanister und Flaschen abgefüllt, mit Fotos der italienischen Flagge oder des
Vesuvs verziert und mit folkloristischen Namen erfundener Hersteller versehen:
»das Bauernhaus« oder »der Alte Mühlstein«.
Ausgeklügeltere Methoden laufen für gewöhnlich in Hightech-Raffinerien ab, in
denen das Öl mit Substanzen wie Haselnussöl und desodoriertem Lampante-Olivenöl
gestreckt wird, die sich in einer chemischen Analyse nur schwer nachweisen
lassen. Schon 1991 erließ die EU angesichts der Tatsache, dass viele
Manipulationen bei Labortests nicht auffallen, strenge Geschmacks- und
Aromavorschriften für jede Olivenöl-Güteklasse.
Außerdem richtete sie Verkostungskommissionen ein, die vom International Olive
Oil Council amtlich beglaubigt sind – einer Instanz, die von den Vereinten
Nationen eingesetzt wurde. Nach den EU-Richtlinien muss extranatives Öl
merklich nach Pfeffer schmecken, deutlich bittere und fruchtige Aromen aufweisen
und frei von 16 aufgeführten Mängeln sein, darunter Geschmacksnoten wie
»muffig«, »moderig«, »Gurke« und »faulig«. »Ist auch nur ein Manko
festzustellen, ist es kein extranatives Olivenöl – basta, Schluss, Ende, Amen«,
machte mir Flavio Zaramella klar, der Präsident der Corporazione dei Mastri
Oleari in Mailand, einer der angesehensten privaten Vereinigungen von
Olivenöl-Produzenten.
Flavio Zaramella, ein 66-jähriger ehemaliger Geschäftsmann, stellt seit 1985 Öl
aus den Oliven her, die auf seinem kleinen Gut in Umbrien wachsen. »Der
Etikettenschwindel ist so weit verbreitet, dass nur wenige Züchter ihr Geld
ehrlich verdienen können«, erzählte er mir. Zaramella trat im Jahr 2000 die
Präsidentschaft des Produzentenverbands Mastri Oleari an. Er nennt seinen Kampf
für die Qualität von Olivenöl eine »Bürgerpflicht« und handelt im Sinne der
vielen kleinen Hersteller, die sich schwertun, sich auf einem Markt zu
behaupten, der von billigem, gepanschtem Öl überschwemmt ist – ein Betrug, der
schon in der Antike gang und gäbe war.
(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Tankerladungen voll türkischem
Haselnussöl -und eine unfähige Justiz)
Griechen und Römer verwendeten Olivenöl zum Essen, bei der Herstellung von
Seifen und Balsamen, als Lampen- und Heizbrennstoff, Basis für Parfums und
Mittel gegen Herzerkrankungen, bei Magenschmerzen, Haarausfall und übermäßigem
Schwitzen. Der griechische Arzt Galenos berichtet von skrupellosen Ölhändlern,
die hochwertiges Olivenöl mit billigeren Substanzen wie Schmalz versetzt
hatten, und der römische Feinschmecker Apicius liefert ein Rezept dafür, wie
man mithilfe gehackter Kräuter und Wurzeln billiges spanisches Öl in teures Öl
aus Istrien verwandelt.
Die alten Römer rechneten also mit Etikettenschwindel und ergriffen damals
effektivere Präventionsmaßnahmen, als es die Italiener heute tun. Im April gab
der Landwirtschaftsminister Paolo De Castro bekannt, dass die Regierung 787
Olivenölhersteller unter die Lupe nehmen ließ und dabei festgestellt hatte,
dass sich 205 davon der Streckung, Falschetikettierung und anderer Vergehen
schuldig gemacht hatten. Doch es wird Jahre dauern, bis die Fälle bearbeitet
sind und die wenigsten Panscher müssen mit einer empfindlichen Strafe rechnen.
1991 deckte die Guardia di Finanza schon einmal einen großen Betrug auf: Der
Hersteller Domenico Ribatti hatte Tankerladungen voll türkischen Haselnussöls
als griechisches Olivenöl umetikettiert und mit italienischem Olivenöl
gepanscht. Im Verlauf der Untersuchungen gegen Ribatti entdeckten Ermittler der
EU-Betrugsbekämpfungsbehörde, dass die Tanker auch geschmuggeltes Olivenöl nach
Monopoli in Apulien verschifft hatten. Die Beamten verfolgten das Öl zurück zu
einem Bekannten von Ribatti mit Namen Leonardo Marseglia, dem Leitenden
Direktor einer Oliven- und Pflanzenölfirma in Monopoli. Diese Firma, Casa
Olearia Italiana, stieg zu einem der führenden Olivenölimporteure in Europa auf
und betreibt eine der weltweit größten Speiseöl-Raffinerien.
1994 führten 80 Agenten der Guardia di Finanza bei Casa Olearia eine Razzia
durch und beschlagnahmten Dokumente, in denen Details über vier illegale
Schiffsladungen Öl aufgeführt waren. Im Juli 1996 wurde gegen Marseglia und 16
Geschäftspartner Haftbefehl erlassen, zu den Anklagepunkten zählten Schmuggel,
Steuerhinterziehung und das Betreiben eines kriminellen Netzwerks. Drei Wochen
später stellte sich Leonardo Marseglia in Begleitung seines Anwalts den
Behörden und wurde inhaftiert. Die Staatsanwaltschaft beschuldigte ihn,
tunesisches Olivenöl eingeführt zu haben, das fälschlich als Produkt aus Europa
deklariert war, womit er die Zollgebühren umging, die auf nicht-europäische
Güter erhoben werden. Dazu soll er illegal EU-Fördergelder für Olivenöl
kassiert haben, als er das Öl später verkaufte. Trotzdem gelang es der
Staatsanwaltschaft auch nach Jahren nicht, eine Verurteilung zu erzielen; 2004
wurde die Anklage gegen Marseglia und Partner abgewiesen, die Verjährungsfrist
war verstrichen.
(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Ein echter Italiener verrät, wie man
gutes Olivenöl von schlechtem unterscheidet)
In Monopoli steht die Ölfabrik Casa Olearia: Edelstahlsilos, Bürogebäude,
Schornsteine und Lagerhallen liegen in einen Hain riesiger Olivenbäume
eingebettet. Seit Marseglia den Komplex 1981 gekauft hat, ist er um das
Fünfzehnfache gewachsen; 2005 hat die Firma etwa eine Million Tonnen Oliven-
und Pflanzenöle verarbeitet. Die italienische Presse taufte Marseglia den
»extranativen Baron«. Marseglia aber gab letztes Jahr das Olivenölgeschäft auf
und widmet sich ab sofort der Herstellung von Biodiesel und Elektrizität. In
diesen Geschäftsfeldern, so sagte er mir, haben einen die Behörden »weniger am
Sack«.
Marseglia ist 61 und besitzt die kräftige Statur, den Stiernacken und die
schweren Lider eines gealterten Preisboxers. Abgesehen von seiner Angewohnheit,
von sich selbst in der ersten Person Plural zu sprechen, ist er entwaffnend
ungezwungen; ab und zu knuffte er mich freundschaftlich in den Arm, um seinen
Worten Nachdruck zu verleihen. Ich fragte ihn, ob er sich irgendeines der
Verbrechen schuldig gemacht hatte, derer er angeklagt war. »Bis dato wurden wir
noch nie wegen irgendetwas verurteilt«, antwortete er. Er fügte hinzu, dass er
sich den Unmut der hiesigen Bauern wegen der Importe ausländischen Olivenöls
zugezogen hatte, die aber notwendig seien, wie er betont, nicht nur um die
Nachfrage in Italien zu decken, sondern auch um die schäbige Qualität einiger
Öle aus Apulien anzuheben. »Man muss 600 000 bis 700 000 Tonnen pro Jahr
importieren«, sagte er. »Nachdem wir eine Unmenge Öl importiert hatten, um
viele schlechte, übel riechende hiesige Ölsorten durch Mischung zu retten,
sahen die Menschen darin einen Affront.« Dass er jemals sein Olivenöl mit
anderen Pflanzenölen gestreckt hätte, streitet Marseglia ab.
Marseglia schätzt, dass 90 Prozent des in Italien als extranativ verkauften Öls
nicht der obersten Güteklasse zuzurechnen seien. »Das ist alles andere als
extranativ, was wir hier haben.« Er schien das nicht für ein Problem zu halten.
»Zuallererst wollen wir den Menschen gutes Öl liefern«, meinte er. »Das
herausragende Öl – das ganze außergewöhnliche Zeug zu 40 oder 50 Euro der
Liter, das sich nur ein paar Idioten auf der Welt leisten können – daran denken
wir später.« Seine Familie benutze gewöhnliches Öl.
Beim Mittagessen in der Kantine von Casa Olearia zeigte mir Marseglia, was er
unter gutem Öl versteht: »Einen Teller Nudeln zu verkosten ist leicht. Ein Glas
Wein zu verkosten ist leicht. Ein Stück Obst zu verkosten ist leicht. Öl zu
verkosten auch. Es muss eben einen angenehmen Geschmack haben. Schmeckt es
unangenehm, ist es nicht gut – das ist doch ziemlich simpel. Und da heißt es,
man brauche eine Menge Erfahrung, um sich auszukennen.« Er langte über den
Tisch nach einer Flasche Giusto, der Supermarktware seiner Firma, drehte den
Verschluss auf: »Riechen Sie das. Riecht es gut oder stinkt’s?« Es roch gut:
ein herber, intensiver, grüner Duft, den ich mit Coratina verband, einer in Apulien
weitverbreiteten Olivenkultur. Marseglia setzte die Flasche an die Lippen und
gurgelte ein wenig. »Man nimmt es also in den Mund, nicht wahr?«, murmelte er
durch das Öl. »Entweder ist es ekelhaft und man spuckt es jemandem ins Gesicht
oder es ist gut.« Ein gutes Öl, so fuhr er fort, erkenne man am gefälligen
Geschmack und dem angenehmen Gefühl, das im Mund zurückbleibt, wenn man das Öl
geschluckt hat.
(Lesen Sie auf der nächsten Seite: »Öl hat keinen Ausweis. Es fließt
einfach.«)
Im Januar wurde Marseglia wegen eines anderen Olivenöl-Verbrechens angeklagt,
diesmal ging es um Geschäfte mit den USA. Die Ermittler der Guardia di Finanza
werfen ihm vor, seine Firma Casa Olearia habe zwischen 1998 und 2004 durch den
illegalen Import von 17 000 Tonnen türkischem und tunesischem Olivenöl mehr als
22 Millionen Euro an EU-Zöllen hinterzogen – offensichtlich unter Mithilfe
italienischer Zollbeamter. Das Öl wurde in den Labors von Casa Olearia
verarbeitet und dort mit anderen Pflanzenölen gestreckt – zumindest vermuten
dies die Ermittler, können es aber nicht beweisen. Einen Teil des Öls kauften
italienische Firmen, doch der Löwenanteil wurde an Vertreiber in den USA
verschifft, die es als italienisches Olivenöl verkauften.
In den USA werden zirka 1,5 Milliarden Dollar Umsatz mit Olivenöl erzielt; der
US-Markt ist der größte außerhalb Europas und wächst jährlich um zehn Prozent.
Im Februar 2006 beschlagnahmten die US-Bundesbehörden in einer Lagerhalle in
New Jersey etwa 61 000 Liter vermeintliches extranatives Olivenöl und 26 000
Liter eines Olivenöls minderwertigerer Qualität. Im September mussten sich
Marseglia und fünf Geschäftspartner bei einer Anhörung in Apulien für ihre
Rolle bei den Geschäften mit den USA erklären. Die Anklage lautet auf Gründung
eines kriminellen Netzwerks zum Zwecke des Schmuggelns, aber ein Ermittler, der
mit dem Fall vertraut ist, meint, dass Marseglia nicht Gefahr laufe, verurteilt
zu werden. »Er genießt Schutz von allerhöchster Stelle, quer durch das gesamte
politische Spektrum.« Marseglia wollte sich in Anbetracht des schwebenden
Verfahrens zu den Vorwürfen nicht äußern, meinte jedoch, dass er damit rechne,
für unschuldig befunden zu werden – wie in allen früheren Untersuchungen.
Paolo De Castro, der Landwirtschaftsminister, hat ein klares Ziel: »Wichtig
ist, dass die Leute sich nicht wie Mafiosi benehmen und dass tunesisches Öl
nicht als extranatives Olivenöl aus Apulien deklariert wird.« De Castro fügte
hinzu, man könne ziemlich einfach verhindern, dass die Öffentlichkeit hinters
Licht geführt wird: »Schön aufs Etikett schreiben, woher das Öl kommt, und es
gibt kein Problem«, meint er. Doch Leonardo Marseglia glaubt nicht daran: »Öl
hat keinen Ausweis. Es fließt einfach.«